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Aeroclub Aviators e.V.

 
 
 

Der Morgen ist eigentlich für einen Sonntag viel zu früh. Wer steht schon um diese Uhrzeit auf? Es ist jetzt 07:30 und ich bin schon eine Stunde wach. Um 09:00 geht es los. Wir werden dann zusammen in die AN-2 steigen, die Tür verriegeln, es uns irgendwie bequem machen und zur nächsten Veranstaltung fliegen. Wird ein langer Tag. Wetter sieht aber gut aus. Kein Wölkchen am Himmel und die weiße Mondsichel ist noch am Morgenhimmel zu erkennen.

Im linken Seitenfenster zieht im grauen Zwielicht der Elbdeich an mir vorbei und die Schafherde liegt noch verschlafen im Gras. Ich frag mich, wie man im Schlaf nicht den Deich runterkullern kann. Aber auch unter ihnen gibt es Frühaufsteher. Oder welche die die Nacht durchmachen. Keine Ahnung, wie man das so als Schaf macht.

Eineinhalb Stunden nach Neustadt-Glewe. Landstrasse, Hafenstrassen, Autobahn. Früher war der Hamburger Hafen ja noch ein Freihafen. Zollfreies Gebiet. Ein bisschen wie früher die A24. Eine Transitstrecke vom Osten in den Westen von Hamburg. Oder anders herum. Wenn man wollte. Und manches mal auch so spannend. Zollkontrolle? Hab ich irgendwas im Auto, dass mir Probleme machen könnte? Heute kein Thema mehr. Sowohl im Hafen als auch auf der A24.

Kaum Autos um diese Uhrzeit unterwegs. Wer ist schon so bekloppt, am Wochenende so früh aufzustehen um 150km zum Flugplatz zu fahren? Blick in den Innenspiegel. Hmm…..ja, genau Du! Gott…..ich brauche einen Kaffee. Die Jungs haben am Flugplatz wie immer vorgesorgt. Da gibt es das warme, braune Gold! Und wie immer auch eine Scheibe Brot. Vielleicht halte ich nachher aber auch kurz am Autohof an der Abfahrt Neustadt-Glewe an und hol mir ein frisches Brötchen. Von dort sind es nur noch 5 Minuten.

Airbus in Finkenwerder schläft auch noch. Obwohl am Flügelbauplatz, der Lackierhalle oder der Flightline sicher wieder gearbeitet wird. Auf jeden Fall macht sich gerade ein Airbus über dem Werksgelände bereit zur Landung auf der Piste 05 in Fuhlsbüttel. Durch die Frontscheibe erkenne ich ihn gerade eben so, als er das Fahrwerk ausfährt. Das doppelte weiße Blitzen der Strobelights an den Flügelspitzen verrät ihn als Airbus. Boeing begnügt sich mit einem Blitz. Vorsicht du Experte! Das mit den doppelten Strobeblitzen kann Embrear auch! Aber ich erkenn „mein“ Produkt trotzdem auch in finsterer Nacht.

Im Radio wieder nur der selbe Hit-Einerlei und Gequassel. Ich suche mir eine meiner Playlist eines Online-Streamingdienstes heraus. Schon viel besser. Hab ich eigentlich das wichtigste aller Werkzeuge mit? Schnell ein Griff an die Ärmeltasche meiner alten abgewetzten Ziegenpelle (Lederjacke der Luftwaffe). Doch, ist da. Der kleine, breite Schlitzschraubendreher. Nur wenige Zentimeter lang und doch ein Großer! So ziemliche alle Wartungsklappen der AN-2 sind mit Schnellverschlüssen mit geschlitztem Kopf versehen. Überhaupt: Für die grundlegenden Wartungen eine AN-2 braucht man kaum aufwendiges Werkzeug. Alles was man für unterwegs so braucht, passt eigentlich in einen Alukoffer. Und wenn man Edelschlosser sein will, dann nimmt man noch einen großen Nusskasten mit. Die AN-2 ist, wie alle ihre russischen Schwestern, dem metrischen System verhaftet. Während andere sich aufwändig zölliges Werkzeug für ihre Flugzeuge beschaffen müssen, greift man für eine AN-2 eigentlich immer ins gut sortierte Regal des lokalen Baumarktes. Die Qualität bestimmt man dann über den Kaufpreis selber.

Nur 5 Grad zeigt das Aussenthermometer im Armaturenbrett. Das wird heute aber sicher schattig. Zwischen den Obstbäumen an der Finkenwerder Umgehungsstrasse liegt der Frühnebel. Zwei Milchlaster sind auf dem Weg aufs Land. Das war der erste Verkehr, der mir heute entgegenkommt. Ich stell die Heizung ein paar Grad höher und die Sitzheizung an. Ich denke, wir werden nachher das Triebwerk vorheizen müssen. Mit dem kleinen Kerosinbrenner, dessen Heißluftschlauch dann unter die Cowling geschoben wird um das Öl, sagen wir mal, weniger dickflüssig werden zu lassen. Mal sehen, ob wir dann pünktlich los kommen. Irgendwo um die 40 Minuten Flug haben wir vor uns, bis wir bei der Veranstaltung ankommen und unseren Stand aufbauen.

Mir fällt hinter dem Waltershofer Knoten auf, dass ich bisher nicht eine einzige rote Ampel hatte. Ungewöhnlich. Aber Hey! Wenn es läuft, dann läuft es! Der Himmel verfärbt sich am östlichen Firmament allmählich in herbstlichen Farben. Über mir ist es noch schwarz und die Sterne sind noch zu sehen. Der Blick in den Rückspiegel zeigt nur schwarze Nacht und die Strassenbeleuchtung. Keine Scheinwerfer weit und breit, die mir zu folgen scheinen. Mir wird mal wieder bewusst, wie sehr ich in der Fliegerei verankert bin, dass ich in meiner Freizeit schon zu Uhrzeiten unterwegs bin, wenn andere sich nicht mal darüber Gedanken machen, aufzustehen. Bestenfalls muss jetzt jemand mit dem Hund eine Runde Gassi gehen.

Während ich zum Sprung über den Köhlbrand ansetze und mich auf die Köhlbrandbrücke hochschraube, verschwindet der weiße Fahrbahnstreifen unter der Mitte meiner Motorhaube. Typisch Pilot. Der Streifen auf dem Asphalt muss immer in der Mitte sein. Doch wir sind nicht auf dem Rollweg sondern auf der Strasse. Also bitte Konzentration! Bin trotzdem noch irgendwie müde.

Noch immer über 120km bis zum Ziel. Jetzt wo ich fast am höchsten Punkt der Köhlbrandbrücke bin, fühlt es sich ein wenig so an, als würde ich aus dem Cockpit sehen. Und so ein bisschen hat die Köhbrandbrücke ja auch was mit der Fliegerei zu tun. Sie ist ein VFR-Pflichtmeldepunkt innerhalb der Hamburger Kontrollzone. Hier haben sich Flieger unter Sichtflugbedingungen zu melden, wenn sie auf festgelegten Routen innerhalb der Kontrollzone fliegen. Hauptsächlich sind das aus der Luft gut erkennbare Landmarken. Und so hört die Köhlbrandbrücke, auf deren höchsten Punkt ich jetzt bin, auf den Namen Sierra 2. Sierra steht für das S im NATO-Alphabet. Und 2, weil es der zweite Pflichtmeldepunkt auf der entsprechenden Sierra-Einflugroute in die Kontrollzone ist. Der erste, also Sierra 1, liegt direkt am Autobahnkreuz A7 und A261. Es gibt noch einige weitere Routen und entsprechende Meldepunkte. Einen kann ich von Zuhause gut sehen. Whisky 1, welches der Yachthafen von Wedel ist. In meinem Kopf setzte ich gerade eine Meldung an Hamburg Turm ab „Delta-Fox-Whisky-Juliet-Hotel, Sierra Zwo in Tausendfünfhundert“. Wenn mir vor meiner Pilotenzeit jemand gesagt hätte, ich würde solche stillen Selbstgespräche Sonntagmorgens um 07:30 auf der Köhlbrandbrücke führen, hätte ich ihn stumpf ausgelacht oder mitleidig belächelt. So ein Nerd!

Es ist wirklich ein einzigartiger Moment an diesem Morgen. Die Sicht in Richtung Osten wird noch durch morgendlichen Dunst begrenzt, doch das Farbenspiel ist einfach prächtig. Mutter Natur hat heute wieder ein Zuckerle für uns eingestreut. Manchmal kann der Weg zum Flugplatz schon so schön sein wie der Flug selber. Und wenn der Morgen schon so anfängt, dann kann der Flugtag nur klasse werden. Ich freu mich schon drauf. Meine Sitzheizung brennt mir langsam den Schinken weg. Schalter „Aus“. Der Titel auf der Playlist passt mir grad nicht. Nächster Titel. Schon viel besser!

Zehn Minuten noch und ich sammle meinen Crewkumpel am alten und stillgelegten Zollamt in Veddel ein und wir fahren den restlichen Weg nach Neustadt-Glewe zusammen. Fliegen verbindet. Nicht nur Städtenamen auf der Landkarte, sondern auch Menschen. Nachher treffen wir wieder viele von ihnen. Bin gespannt, wen wir heute so mitnehmen. Die mittlerweile 100-jährige alte Dame, die jedes Jahr zum Flugplatzfest kommt und immer wieder bei uns fliegen will? Ich glaube, uns verbindet schon eine Freundschaft seit sie in ihren frühen 90ern war. Oder der Steppke, der sich erstmal nicht traut einzusteigen und dem dieser riesige, dunkelgrüne Vogel doch irgendwie unheimlich ist? Manchmal geh ich vor der AN-2 in die Knie um mal zu sehen, wie sie wohl für ein kleines Kind aussehen mag. Jup……verdammt noch mal richtig groß! Und mit all den Geräuschen und Gerüchen auch ziemlich respekteinflößend. Ich fühl mich ein bisschen an Jim Knopf und Lukas den Lokomotivführer erinnert, als sie Emma die Lokomotive zur Tarnung in einen Drachen verwandeln mussten. Ich versteh den Junior-Aviator. Aber wir sind ja da und stehen Rede und Antwort. Und wenn Groß und Klein lieber erstmal gucken möchten, bevor sie sich entscheiden, ob sie mitfliegen wollen, dann ist das auch völlig in Ordnung. Und unsere Annuschka ist wirklich gutmütig.

Tempo 50….na gut…..60, checked, „Decending“ in Richtung Hamburg-Neuhof auf ein neues, tieferes „Flightlevel“. WhatsApp leuchtet im Handy: „Bin schon in Veddel, selbe Stelle wie immer. Bis gleich“. Noch etwas über eine Stunde und bummelig 120km. „Wind Nordost, Startbahn 03,…….“

Ich freu mich schon auf einen heißen Pott Kaffee am Flugplatz. Schwarz und stark bitte.

 

Eure An-2 Crew

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19306 Neustadt-Glewe

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